Iris Weitkamp Autorin
Iris Weitkamp Autorin

Wann handelt es sich um eine "Kurzgeschichte", wann um eine "Erzählung"? Sind es zwei Begriffe für dieselbe Sache? Klingt der eine anspruchsvoller oder der andere lustiger?

Ich denke noch darüber nach ...

 

... doch wie auch immer wir sie nennen, die Schätzchen nehmen beständig mehr Raum ein in meinem Kopf und Schreibstübchen, sie purzeln mir reichlich zu und fordern die Schreibfeder.

Mein nächstes Buchprojekt ist davon bestimmt ...

Leseprobe:

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( . . . )  Aber vielleicht klappte es ja heute. Vielleicht traf er in einer Stunde die Frau seines Lebens. Eine, mit der er um den Kreidebergsee schlendern würde, Arm in Arm. Die ihn drängen würde, früh Feierabend zu machen, damit er ihr eine Lampe aufhängte oder fürs Abendessen einkaufte. Er faltete noch einmal den handgeschriebenen Schmierzettel auseinander, den er seiner Skepsis gegenüber beharrlich als ‚Brief‘ bezeichnete: „... Hoffe, du bist genauso tierlieb wie ich ... habe Hunde ... wohne auch in der Innenstadt ...“ Er sah vor seinem geistigen Auge zwei witzige Dackelmischlinge vor ihnen her tollen, wenn sie am Wochenende einen Ausflug in die Heide machten.

 

Er betrat das Capitol zehn Minuten zu früh, genau wie geplant. Auf keinen Fall wollte er den ersten Eindruck durch Zuspätkommen ruinieren. Außerdem hoffte er, wenigstens ganz kurz Lena zu sehen. Nach den kleinen Unterhaltungen, in denen sie einander möglichst viel von dem zu erzählen versuchten, was ihnen auf dem Herzen lag, hatte er sich jedes Mal bester Laune gefühlt. Von den Tischen, für die sie meistens zuständig war, wurden soeben zwei frei. Eilig steuerte er einen davon an, bevor jemand ihn ihm weg schnappte. Ohne hinzusehen, stellte er seine Laptoptasche auf einen Stuhl und schaute sich im vollen Raum um. Ja, da stand sie, nahm die Bestellung einer kleinen gemischten Gruppe auf, nickte, neigte den Kopf, schien dann etwas zu erklären, wobei sie in der für sie so typischen Art lebhaft mit beiden Händen gestikulierte, ohne sich darum zu kümmern, ob diese gerade einen Stift oder ein volles Bierglas hielten. Wie so oft schien sie seinen Blick zu fühlen, ein kleines Wedeln ihrer linken Hand galt eindeutig ihm. Nach einem abschließenden Nicken zu der Gruppe hin stopfte sie den Bestellblock in ihre Schürzentasche und trat lächelnd an seinen Tisch. „Herr Meier. Wie schön, Sie zu sehen.“

Thomas lächelte zurück. Zum ersten Mal an diesem Tag entspannte er sich. „Es ist schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?“

„Naja, Sie sehen ja selbst ...“ Lena wies um sich.

„Hm. Der Laden brummt. Gut für Ihren Job, aber schlecht für meine Chancen bei Ihnen.“ Thomas grinste schief.

Lena warf lachend den Kopf in den Nacken, blickte ihn auf eine Weise an, die er nicht deuten konnte, und zog ihren Notizblock aus der Schürze. „Sie sind doch gewiss nicht wegen mir hier. Was darf ich Ihnen bringen?“

Thomas zögerte. Er klopfte mit der Karte auf den Tisch, brauchte nicht hinein zu schauen, hätte ihren Inhalt längst rückwärts aufsagen können. „Ich ... hm ... ich warte noch ... auf jemanden.“

            „Ah. Eine aus der LZ?“

Er schüttelte den Kopf. „Herzfinder.de“

„Na dann ... viel Glück. Ich komm gleich nochmal.“

Es wäre ihm lieber gewesen, wenn im Café eine Flaute geherrscht hätte, und Lena ein wenig länger an seinem Tisch stehen geblieben wäre. Doch obwohl er jeden erdenklichen Vorwand nutzte, um hier einzukehren, war ihm dieses Glück bisher nur selten vergönnt gewesen. „Danke. Kann ich brauchen.“    ( . . . )

Leseprobe:

helle Wärme

 

 

Gestern hatte er sich geirrt. Die Sonne war aufgegangen, nur so eben über den Hügelkamm geklettert, um sich, wie um diese Jahreszeit üblich, bald wieder zurückzuziehen und dem Mond die Bühne zu überlassen. Dem Geruch der Bäume nach und aus der Art, wie der Rauhreif unter den tapsenden Schritten eines Dachses knirschte, war er morgens noch davon überzeugt gewesen, dass sie bald, gleich, losgehen würden. So sicher wie ein Blick in den Kalender sagten ihm die Geräusche rings um seine Wohnstätte, wann der Tag sich jährte. Er hörte es im Wind und in den Stimmen des Waldes, spürte es an der Erde, am freudigen Leuchten, welches ihn selbst und alles Sein um ihn herum berührte. Doch es war Nachmittag geworden, Abend und schließlich Nacht, ohne dass dieses ganz besondere, sein zweitschönstes Erlebnis, auf welches er sich das ganze Jahr über so sehr freute, eintraf. Er hatte sich offenbar im Tag vertan.

Aber heute – ja: Die Aufregung im Trappeln der Kinderfüßchen, das vom Dorf zu ihm hinüberdrang, war unverkennbar. In den Häusern wühlten Frauen nach Laternen oder trieben ihre Männer an, endlich mit den Bastelarbeiten fertig zu werden. Man legte Kerzen und Fackeln bereit, die ganz Vorsichtigen prüften die Batterien ihrer Taschenlampen. Es wurde gekocht und gebacken, nach Noten gesucht, Sattelzeug gefettet und Brennholz zum Weiher geschafft. Sie machten sich bereit.

 

Da es erst Mittag war und noch mindestens fünf Stunden Zeit blieben, hörte er eine Weile den Rehen zu, die an einigen jungen Birken am Hang knabberten. Ein Bussard kreiste über ihm, zwei Eichhörnchen stritten um eine Haselnuss, beschlossen mitten im Streit, dass die kleine Nuss den Energieverlust nicht wert sein konnte, und stoben auseinander. Während er darüber nachdachte, ob seine Unterkunft auch in diesem Winter vor Wildschweinen sicher sein würde, nickte er allmählich ein.

Er träumte von endlosen Ebenen, über die der Winterwind Schneewehen trieb, von Gruppen silberner Birken und Frauen in dicken Röcken, die Wasser von der einzigen eisfreien Brunnenstelle des Dorfes nach Hause schleppten. Von Holzhäusern mit geschnitzen Fensterverzierungen und geflickten Dächern. Von Kindern, die zur Mitte des Winters, wenn Hunger die Wölfe vergessen ließ, dass sie eigentlich den Menschen flohen, nur zur Schule gehen konnten, wenn ein Erwachsener sie begleitete. Ein Erwachsener, dem häufig einige Finger fehlten oder ein Fuß. Vom alten Vladimir, der fröhlich die Peitsche knallen ließ, dass der Schlitten nur so über den zugefrorenen Fluss sauste.

Dann von Geschützlärm und den Schreien des Kameraden, Freund aus Kindertagen, der sich mit beiden Händen seine herausquellenden Gedärme an einen nicht mehr vorhandenen Bauch drückte. Von endlosen Fußmärschen, bitter kaltem Gerüttel in Eisenbahnwaggons, Tritten, Schlägen mit Gewehrkolben deutscher Wertarbeit.

Schließlich von den sanften Hügeln des Drawehn, jubelnden Lärchen über Kornfeldern, Wiesen, die bis an die Elbe reichten. Von genügend Brennholz und reichen Vorräten, von dem Glück, dass die Bevölkerung auf dem Lande weniger Not litt als in der Stadt. Von harter Arbeit in frischer Luft statt Arbeitslagern und dünner Suppe. Und von Anna träumte er, die ihm an Weihnachten Nüsse zugesteckt hatte und rotbackig glänzende Äpfel.  Äpfel, die er selbst gepflückt hatte mit den Kindern, die ihm am Arm hingen und riefen Boris, Boris, sobald sie ihn nur von weitem sahen. Anna hatte die Äpfel und Nüsse sorgfältig an ihrer Schürze poliert, er hatte sie beobachtet durchs Küchenfenster, bevor sie sie ihm schenkte. Reibung erzeugt Wärme, da hatte der alte Schulmeister wohl Recht gehabt. Wärme war in den Äpfeln gewesen und in Annas Blick, in den Rufen der Kinder, im Stall bei den Pferden. So viel Wärme, und so viel Licht. Morgensonne und ein Abendrot, welches einem den Hals zuschnürte und Tränen in die Augen trieb. Glitzernde Wasserflächen, helles Lachen, Musik und Tanz auf der Diele.

Und nun musste er nicht mehr frieren, nie mehr   ( . . . )

Diese Geschichte erschien in der Zeitschrift

(Ausgabe Dez. 2016).

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