Iris Weitkamp Autorin
Iris Weitkamp Autorin

ist eine regionale Zeitschrift rund um Nachhaltigkeit und Gesundheit. Das Magazin ist in Bioläden, Drogerien und Supermärkten kostenlos erhältlich und erscheint quartalsweise. Herausgeberin ist Nicole Gwenner aus Neetze. Wegen der sehr sorgfältigen Gestaltung und interessanten Themen mag ich es, gelegentlich dafür zu schreiben.

 

Ausgabe Dezember 2016

... und hier meine vollständige Kurzgeschichte:

Iris Weitkamp

 

helle Wärme

 

 

Gestern hatte er sich geirrt. Die Sonne war aufgegangen, nur so eben über den Hügelkamm geklettert, um sich, wie um diese Jahreszeit üblich, bald wieder zurückzuziehen und dem Mond die Bühne zu überlassen. Dem Geruch der Bäume nach und aus der Art, wie der Rauhreif unter den tapsenden Schritten eines Dachses knirschte, war er morgens noch davon überzeugt gewesen, dass sie bald, gleich, losgehen würden. So sicher wie ein Blick in den Kalender sagten ihm die Geräusche rings um seine Wohnstätte, wann der Tag sich jährte. Er hörte es im Wind und in den Stimmen des Waldes, spürte es an der Erde, am freudigen Leuchten, welches ihn selbst und alles Sein um ihn herum berührte. Doch es war Nachmittag geworden, Abend und schließlich Nacht, ohne dass dieses ganz besondere, sein zweitschönstes Erlebnis, auf welches er sich das ganze Jahr über so sehr freute, eintraf. Er hatte sich offenbar im Tag vertan.

Aber heute – ja: Die Aufregung im Trappeln der Kinderfüßchen, das vom Dorf zu ihm hinüberdrang, war unverkennbar. In den Häusern wühlten Frauen nach Laternen oder trieben ihre Männer an, endlich mit den Bastelarbeiten fertig zu werden. Man legte Kerzen und Fackeln bereit, die ganz Vorsichtigen prüften die Batterien ihrer Taschenlampen. Es wurde gekocht und gebacken, nach Noten gesucht, Sattelzeug gefettet und Brennholz zum Weiher geschafft. Sie machten sich bereit.

 

Da es erst Mittag war und noch mindestens fünf Stunden Zeit blieben, hörte er eine Weile den Rehen zu, die an einigen jungen Birken am Hang knabberten. Ein Bussard kreiste über ihm, zwei Eichhörnchen stritten um eine Haselnuss, beschlossen mitten im Streit, dass die kleine Nuss den Energieverlust nicht wert sein konnte, und stoben auseinander. Während er darüber nachdachte, ob seine Unterkunft auch in diesem Winter vor Wildschweinen sicher sein würde, nickte er allmählich ein.

Er träumte von endlosen Ebenen, über die der Winterwind Schneewehen trieb, von Gruppen silberner Birken und Frauen in dicken Röcken, die Wasser von der einzigen eisfreien Brunnenstelle des Dorfes nach Hause schleppten. Von Holzhäusern mit geschnitzen Fensterverzierungen und geflickten Dächern. Von Kindern, die zur Mitte des Winters, wenn Hunger die Wölfe vergessen ließ, dass sie eigentlich den Menschen flohen, nur zur Schule gehen konnten, wenn ein Erwachsener sie begleitete. Ein Erwachsener, dem häufig einige Finger fehlten oder ein Fuß. Vom alten Vladimir, der fröhlich die Peitsche knallen ließ, dass der Schlitten nur so über den zugefrorenen Fluss sauste.

Dann von Geschützlärm und den Schreien des Kameraden, Freund aus Kindertagen, der sich mit beiden Händen seine herausquellenden Gedärme an einen nicht mehr vorhandenen Bauch drückte. Von endlosen Fußmärschen, bitter kaltem Gerüttel in Eisenbahnwaggons, Tritten, Schlägen mit Gewehrkolben deutscher Wertarbeit.

Schließlich von den sanften Hügeln des Drawehn, jubelnden Lärchen über Kornfeldern, Wiesen, die bis an die Elbe reichten. Von genügend Brennholz und reichen Vorräten, von dem Glück, dass die Bevölkerung auf dem Lande weniger Not litt als in der Stadt. Von harter Arbeit in frischer Luft statt Arbeitslagern und dünner Suppe. Und von Anna träumte er, die ihm an Weihnachten Nüsse zugesteckt hatte und rotbackig glänzende Äpfel.  Äpfel, die er selbst gepflückt hatte mit den Kindern, die ihm am Arm hingen und riefen Boris, Boris, sobald sie ihn nur von weitem sahen. Anna hatte die Äpfel und Nüsse sorgfältig an ihrer Schürze poliert, er hatte sie beobachtet durchs Küchenfenster, bevor sie sie ihm schenkte. Reibung erzeugt Wärme, da hatte der alte Schulmeister wohl Recht gehabt. Wärme war in den Äpfeln gewesen und in Annas Blick, in den Rufen der Kinder, im Stall bei den Pferden. So viel Wärme, und so viel Licht. Morgensonne und ein Abendrot, welches einem den Hals zuschnürte und Tränen in die Augen trieb. Glitzernde Wasserflächen, helles Lachen, Musik und Tanz auf der Diele.

Und nun musste er nicht mehr frieren, nie mehr.

 

Gleichmäßiges Hufeklappern auf der Straße weckte ihn. Es waren eindeutig die Schritte eines schwarzen Pferdes, obwohl es eigentlich ein weißes hätte sein müssen. Er lächelte. Sie mogelten mit der Farbe, wie sie es schon beim letzten Mal getan hatten, weil der große Friese sich durch besondere Gutmütigkeit auszeichnete und daher am besten geeignet war. Die Pferde des Dorfes kannte er gut, besser vielleicht als die meisten Bewohner. Jedes war schon unzählige Male an seiner Wohnstatt vorbei gekommen. Mit Pferden wusste er Bescheid, er liebte ihr sanftes Wesen und ihre Kraft. Nie hatte er vergessen, ein Pferd zu füttern oder zu tränken, es im Sommer an einem schattigen Ort anzubinden, ihm im Winter eine Decke überzuwerfen. Zuerst das Pferd, dann wieder das Pferd, und dann der Reiter noch lange nicht, so war es schon bei seinem Vater und Großvater Ehrensache gewesen und bei den Urgroßvätern. Die Pferde hatten es ihm mit einem bedingungslosen Gehorsam vergolten. Noch nie hatte sich eines nicht von ihm in die Schwemme reiten lassen oder war ihm mit dem Heuwagen abmarschiert. Hier im Wald, wenn die Ponies mit ihren Reiterlein auf den Rücken an ihm vorbei tobten und eines gar zu wild bockte, brauchte er nur leise naa, naa zu murmeln, und das Tier mäßigte sich, trabte gesittet weiter.

Wie er es nicht anders erwartet hatte, schritt der Rappe gleichmäßig zwischen singenden Mädchen und Jungen dahin, ignorierte den vor Aufregung zappelnden, verkleideten Bengel auf seinem Rücken und fischte die Leckerbissen, die ihm ungeschickt hingehalten wurden, vorsichtig zwischen den Menschenfingern hervor. Selbst durch die unvermeidlichen Kinderwägen, welche abgelenkte Eltern gegen seine Hinterbeine rempeln ließen, war das brave Ross nicht aus der Ruhe zu bringen. Die anschließenden, entschuldigenden Klopfer auf seine Kruppe nahm es gelassen entgegen.

 

In seiner bescheidenen Unterkunft lag er behaglich auf dem Rücken, fühlte einen Käfer an seiner rechten Ferse kitzeln oder einen Wurm. Wieder war ein Jahr vergangen, nun würde noch eines vergehen und noch eins. Seit man ihn damals hierher gebracht hatte, gab es kaum etwas für ihn zu tun und doch so viel. Im Grunde hätte es ihn nicht mehr wundern sollen, nach all der Zeit,  wie rasch ein Frühling vorüber zog, ein Sommer, ein Herbst. Wie Flügelschläge einer Schleiereule, lautlos, gleitend.

Eben noch war er über sommerheiße Heuwiesen gelaufen, in die kühle Elbe gesprungen, schwindelig vom Sommer und den Blicken, die Anna ihm zuwarf, wenn die Mutter es nicht sah, bis etwas? jemand? ihn packte, unter Wasser drückte und ihn schließlich, lange später, auf den Sand einer kleinen, versteckten Buhne warf. Von da ab spielte die Erinnerung ihm Streiche. Hatte nicht Anna ihm in die Augen gesehen, über seine Wange gestrichen mit ihrer weichen Hand? Und geweint, warum denn geweint, es war doch Sommer und sie waren jung? Dann Irrgänge über die Dörfer, hinaus übers Feld, zum nächsten Dorf. Hier kann er nicht bleiben, aber das geht doch nicht, schafft ihn weg, um Gottes Willen, und ihr wollt Christenmenschen sein, dies die Stimme seines Bauern. Schließlich diese Bretter, die ihn umschlossen, nun seine Welt bedeuteten seit vielen Jahrzehnten. Das Vogelgezwitscher ließen sie hindurch, die Gerüche des Dorflebens, die Erdenwärme.

Es mangelte ihm an nichts.

 

Der Laternenzug wendete auf dem kleinen Parkplatz unterhalb des Aussichtsturmes, wobei jedesmal ein buntes Gedränge entstand, und schwenkte schließlich ab zum kleinen Dorfweiher, wo heißer Kakao aus riesigen Stahltöpfen und Krapfen gereicht wurden. Ein Lagerfeuer prasselte, Funken flogen in den Himmel, und es war ihm, als würden Feuer und heißer Kakao direkt in seine Seele strömen. Kinderlachen und Liederfetzen drangen durch den Hügel, schwebten durch die Novemberluft in sein Heim.

 

Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis sie ihn besuchten. Zuerst die Vorhut, die eine kleine TAnna aufstellte mit Kerzen und Bänke für die älteren Leute. Dann würde der Trompeter im letzten Licht auftauchen, in Begleitung einer jungen Frau mit Flöte oder Gitarre. Zu den ersten Trompetenklängen, die feierlich durch den Wald schallten, würden die Dorfbewohner mit Fackeln den Sandweg entlang schreiten, an der freien Hand ein Kind oder ein Pferd, manchmal einen Hund. Die glockenhellen Singstimmen der Frauen und Kinder mischten sich mit dem tiefem Brummen der Männer, dazwischen ab und zu ein Wiehern oder Schnauben. Die Pferde und Ponies kamen reiterlos, eines trug einen großen Sack mit Heu an den Sattel gebunden für die Tiere des Waldes. Mensch und Tier stellten sich im Kreis auf, es wurde noch mehr gesungen und das Vaterunser gebetet und von dem jungen Kriegsgefangenen gesprochen, der während der Heuernte in die Elbe sprang und ertrank. Dem man kein Grab geben durfte auf den Friedhöfen und der schließlich seine letzte Ruhe erst fand, als sein Bauer die derbe Faust auf den Tisch krachen ließ und bestimmte, der Boris bekommt sein Grab in meinem Wald, ich geb ihm das Stück im Hohlweg neben den großen Buchen, keiner kann mir vorschreiben, was ich mit meinem eigenen Grund und Boden mache, und ein Kreuz und eine Tafel und einen ordentlichen Grabhügel mit Steinen gegen die Wildschweine und einem Zaun. Was der Bauer sagte, das wurde gemacht, und ein Ehepaar aus dem Dorf pflegte das Kreuz und die kleine Gedenktafel und erneuerte den Zaun, wenn er morsch wurde, und als das Ehepaar alt wurde, übernahmen andere die Grabpflege. Die Leute spazierten mit ihren Hunden bei ihm vorbei, und wenn jemand aus der Reitergruppe rief, nach links zum Russengrab, dann trappelten die Hufe wenige Meter neben seinem Kopf, so dass der fröhliche Trommelwirbel noch lange in seinen Knochen nachschwang und die ausgelassenen Stimmen ihn einhüllten.

Wenn sie nach dem Singen und Beten schließlich wieder aufbrachen, wurden die Hufschläge lebhaft. Die andächtige Ruhe, die Mensch und Tier hier an seinem Kreuz erfasst hatte, löste sich in einem unbändigen Bewegungsdrang. Die Pferde strebten nach dem langen Stillstehen dem Stall, dem Hafer und Heu entgegen. Die Kinder konnten es kaum erwarten, ihre Geschenke aufzureißen, und die Erwachsenen zog es an den festlichen Tisch mit reichlichem Essen und dem einen oder anderen Schnäpschen zur Verdauung.

Er selbst fühlte einen solchen Bewegungsdrang nicht mehr. War es ganz zufrieden, keine Schuhe mehr putzen und keinen sperrigen Baum mehr ins Zimmer schleppen zu müssen. Die Genüsse der Weihnachtszeit dagegen, der Plätzchenduft, das Liedersingen, waren ihm geblieben. Er lauschte auf die Feiern in den Wohnzimmern, das behagliche Mahlen der Pferde an den Heuraufen. Während der Abend in die Nacht hinüberglitt, hörte er nur noch vereinzelte Gespräche aus dem Dorf. Dafür erklangen jetzt die Rufe der Waldkäuze. In der Weihnachtsnacht, so sagte man, konnten die Tiere sprechen. Er kicherte in sich hinein. Tat er doch ständig nichts anderes, als sich mit Rehen und Füchsen zu unterhalten. Morgen würde er erfahren, aus welchen neuen Verstecken die Eichhörnchen ihre Vorräte holten. Und falls das neue Vollblutpony an seinem Grab vorbei tänzelte, würde er ihm ein wenig Mäßigung beibringen. Er nahm sich außerdem vor, geduldiger mit dem älteren Herrn zu sein, der seinen Dackel jeden Sonntagmorgen an den Eckpfosten der Grabeinfassung pinkeln ließ.

Dann kuschelte er sich noch ein wenig tiefer unter seine mollige Blätterdecke und träumte vom nächsten Weihnachtsabend, an dem die Menschen ihn wieder besuchen und für ihn singen würden, und an dem der Atem der Pferde über ihn hinweg strich.

 

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